Kunststoff-Expertise aus Linz für Afrikas Kreislaufwirtschaft

JKU-Forscher kooperieren mit Recycling-Unternehmen in Kenia

Eine wirtschaftlich tragbares Geschäftsmodell für Recycling wurde mit Mr. Green Africa in Nairobi entwickelt. ©Mr. Green Africa
Eine wirtschaftlich tragbares Geschäftsmodell für Recycling wurde mit Mr. Green Africa in Nairobi entwickelt. ©Mr. Green Africa

09.08.2019

Forscher der Johannes Kepler Universität (JKU) Linz kooperieren mit einem Recycling Start-up in Kenia und bringen ihre Expertise im Bereich Kunststofftechnik ein. Gemeinsam wurde ein wirtschaftlich tragbares Modell entwickelt, das auch technologischen Fortschritt brachte. Verbessen sollen sich dadurch aber vor allem auch die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Afrikas Müllsammlern.

Funktionierende Abfallwirtschaftssysteme wie hierzulande sind weltweit eher die Ausnahme. In vielen Regionen der Erde sind sogenannte „informelle Abfallwirtschaftssysteme“ sehr verbreitet, so auch beispielsweise in Kenia. Abfälle werden entweder unkontrolliert verbrannt oder in der Umwelt bzw. in den Straßen entsorgt. Auch Abfälle, die von Unternehmen gesammelt werden, landen oft früher oder später auf offenen Deponien. Müllsammler, sog. „Waste Picker“, suchen aus diesen frei herumliegenden Abfällen jene Fraktionen heraus, die sich verkaufen lassen. Altkunststoffe spielen dabei eine bedeutende Rolle. Die Waste Picker arbeiten ohne jegliche Form der Anstellung oder soziale Absicherung und meist unter Gefährdung ihrer eigenen Gesundheit. Von dem ausbeuterischen System profitieren im Regelfall nur die Mittelsmänner.
 

Sozial orientiertes Recycling-Unternehmen Mr. Green Africa

Für eine deutliche Verbesserung der Lebenssituation der Waste Picker in Kenias Hauptstadt Nairobi sorgt seit 2010 das Unternehmen Mr. Green Africa (MGA), so die beiden Gründer Keiran Smith und Karim Debabe. Das Ziel: die lokale, informelle Recyclingwirtschaft soll in qualitativ hochwertiger Weise in industrielle Wertschöpfungsketten integriert werden. Seit der Errichtung von eigenen, dezentralen Handelsplätzen in ganz Nairobi arbeitet MGA direkt mit den Waste Pickern zusammen. So können die Zusammensetzung und Qualität der gesammelten Kunststofffraktionen beeinflusst werden und gleichzeitig profitieren die Sammler von Sozialleistungen wie Gesundheits-Checks oder Schutzkleidung. Darüber hinaus führen ein garantierter Abnahmepreis und der Einsatz eines app-basierten, erfolgsorientierten Handelssystems zu einem planbaren, deutlich höheren Einkommen für die Sammler. 
 

Linzer Forscher analysieren Recyclingware aus Afrika

Im Jahr 2017 holten sich Mr. Green Africa mit Prof. Reinhold W. Lang und Dipl.-Ing. Markus Gall vom Institut für Polymeric Materials and Testing (IPMT) der JKU Linz Experten der Kunststofftechnik ins Boot. Denn bis dahin wurden die gesammelten Altkunststoffe bei MGA nämlich nur nach Farben sortiert und zu Mahlgut zerkleinert. Einsatzbereiche und die erzielbaren Preise für derartige Recyclingmaterialien sind nur gering. An der JKU wurden diese Materialen im Rahmen einer Masterarbeit analysiert. Dabei wurden Probleme wie Kontaminationen mit Fremdstoffen, Geruchsbildung, eingeschränkte Verarbeitbarkeit und ungenügende mechanische Eigenschaften festgestellt. MGA optimierte daraufhin seine Sortierprozesse und investierte in eine industrielle Heißwaschanlage. Erneute Tests an der JKU zeigten erhebliche Qualitätsverbesserungen. Direktvergleiche mit am europäischen Markt gehandelten Kunststoff-Rezyklaten bestätigten, dass High-Quality-Recycling auch innerhalb eines informellen Abfallwirtschaftssystems basierend auf der Arbeit von Waste Pickern machbar ist.
 

Auch Geschäftsmodell einer genauen Analyse unterzogen

Gemeinsam mit Dr. Melanie Wiener und Prof. Erik G. Hansen vom Institut für integrierte Qualitätsgestaltung an der JKU wurde das MGA-Geschäftsmodell analysiert und Interviews mit verschiedenen Stakeholdern im MAG-Modell geführt. Daraus konnten Einsichten abgeleitet werden, wie unter den Rahmenbedingungen eines Entwicklungslandes die Integration des informellen Sektors in eine soziale Kreislaufwirtschaft mit gleichzeitig hohen Ansprüchen an die Materialqualität gelingen kann.
 

Vom Labormaßstab in Linz zur Produktion in Afrika

Das JKU-IPMT unterstützt MGA nun laufend bei der Materialanalyse und -prüfung. Für die Zukunft sind weitere gemeinsame Aktivitäten geplant. Zum einen wird MGA bei Aufbau und Implementierung eigener Qualitätssicherungsmaßnahmen unterstützt und beraten. Zum anderen wird daran gearbeitet, weitere Schritte der Kunststoffrecycling-Wertschöpfungskette bei MGA vor Ort zu integrieren. Konkret soll bei MGA im großen Maßstab umgesetzt werden, was an der am IPMT der JKU Linz bereits im Labormaßstab vollzogen wurde: die Herstellung von qualitativ hochwertigem Re-Granulat. Durch diesen Schritt erschließen sich weitere Stellschrauben zur Steigerung der Rezyklatqualität und zur anwendungsbezogenen Steuerung der Materialeigenschaften.    

 

Beteiligte seitens JKU-IPMT:

  • Dipl.-Ing. Markus Gall
  • Cintia Chagas de Oliveira (Master-Studentin, Management in Polymer Technologies)
  • Prof. Reinhold W. Lang

Beteiligte seitens JKU-IQD:

  • Dr. Melanie Wiener
  • Prof. Erik G. Hansen

 

www.mrgreenafrica.com

Das Projekt verspricht eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Nairobis Müllsammler. ©Mr. Green Africa
Das Projekt verspricht eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Nairobis Müllsammler. ©Mr. Green Africa
©Mr. Green Africa
©Mr. Green Africa
Die Investition in eine industrielle Heißwaschanlage verbesserte die Qualität des Granulats erheblich. Vergleich: ungewaschen (oben) – gewaschen (unten) ©Markus Gall
Die Investition in eine industrielle Heißwaschanlage verbesserte die Qualität des Granulats erheblich. Vergleich: ungewaschen (oben) – gewaschen (unten) ©Markus Gall
Eine wirtschaftlich tragbares Geschäftsmodell für Recycling wurde mit Mr. Green Africa in Nairobi entwickelt. ©Mr. Green Africa
Eine wirtschaftlich tragbares Geschäftsmodell für Recycling wurde mit Mr. Green Africa in Nairobi entwickelt. ©Mr. Green Africa
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MMag. Dr. Melanie Wiener, MBA vom Institut für Integrierte Qualitätsgestaltung © Melanie Wiener
MMag. Dr. Melanie Wiener, MBA vom Institut für Integrierte Qualitätsgestaltung © Melanie Wiener
Dipl.-Ing. Markus Gall: "In meiner Dissertation zu Kunststoffrecycling befasse ich mich neben den rein technischen Aspekten der angewandten Materialwissenschaft auch mit ausgewählten politischen, sozialen und wirtschaftlichen Fragestellungen rund ums Kunststoffrecycling.“ © Markus Gall
Dipl.-Ing. Markus Gall: "In meiner Dissertation zu Kunststoffrecycling befasse ich mich neben den rein technischen Aspekten der angewandten Materialwissenschaft auch mit ausgewählten politischen, sozialen und wirtschaftlichen Fragestellungen rund ums Kunststoffrecycling.“ © Markus Gall