„Techniker sind gegen Marketing machtlos“

Univ.-Prof. DI Clemens Holzer von der Montanuniversität Leoben im Gespräch

Foto von Clemens Holzer, Lehrstuhl für Kunststoffverarbeitung an der Montanuniversität Leoben
Univ.-Prof. DI Clemens Holzer, Lehrstuhl für Kunststoffverarbeitung an der Montanuniversität Leoben, sieht in seinem Fach enorme berufliche Chancen für junge Menschen ©Furgler/Michael Schaffer-Warga
Ein flauschiges Handtuch aus Kunststoff erzeugt
Ergebnis heimischer Innovationskraft: Ein flauschiges Handtuch – aus Kunststoff erzeugt © Kunststofftechnik Leoben/Tanja Grössing

22.03.2021

Univ.-Prof. DI Clemens Holzer hat den Lehrstuhl für Kunststoffverarbeitung an der Montanuniversität Leoben inne. Er gilt als einer der Masterminds bei der Forschung im Kunststoffbereich und der Entwicklung dieser Technologie im Land. Im Interview spricht Holzer über Herausforderungen, Chancen, ökologische Fehleinschätzungen und den Bedarf an Fachkräften.

Wie beurteilt die Forschung den Kontext von Kunststoff und Nachhaltigkeit?

Wir müssen davon abgehen, Kunststoff emotional zu betrachten. In den vergangenen Jahren ist sehr viel über Müllberge, verschmutzte Ozeane und wenig über die Lösungsmöglichkeiten berichtet worden. Nicht, dass ich die Umweltprobleme wegdiskutieren will, aber es gibt auch beim Kunststoff viele grüne Trends, die von der Öffentlichkeit zu wenig wahrgenommen werden. Als Techniker ist man gegen Marketing und mediale Halbwahrheiten machtlos. Ich nehme die Kritik aber ernst und betone, dass technische Lösungen allein nicht genügen! Es muss auch eine Verhaltensänderung bewirkt werden. Hier ist die Politik gefragt – mit einer Umweltpolitik, die alle Branchen in die Pflicht nimmt. Es reicht nicht, nur von Plastiksackerl auf Papier umzusteigen. Bei der konsequenten Erhöhung des Recyclinganteils in Produkten ist auch der Staat gefragt.

Was sind die wesentlichen Erfordernisse, damit Kunststoff ein „grünes“ Image bekommt?

Der Start ist immer das Sammelsystem und natürlich muss es auch eine ressourcenschonende Fertigung geben. Grüne Trends haben wir bei der Entwicklung, wenn es um die Frage der Recyclingfähigkeit geht und auch bei den Materialien. Sind sie biobasiert, haben sie einen ökologischen Fußabdruck? Im Endeffekt muss die gesamte Bilanz betrachtet werden: Nutzungsphase, Verbesserung der Haltbarkeit, Wiederverwendbarkeit und Reparierbarkeit. In diesen Bereichen hat es in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte gegeben und heimische Forscher*innen sowie Unternehmen haben dabei eine tragende Rolle gespielt.

Welche Forschungsfragen sind für die Kunststoffkreislaufwirtschaft entscheidend?

Die Kunststofftechnik ermöglicht Lösungen. Manche mögen unspektakulär erscheinen, aber es ist viel Arbeit bis zur Umsetzung erforderlich: Vom Molekül bis zum Produkt – und dann Recycling. Der Nachhaltigkeitsrucksack reicht aus meiner Sicht bis zur Digitalisierung. Meine Devise lautet: Wir können alles! Aber die Rahmenbedingungen dafür müssen geschaffen werden. Wir brauchen Forschungsförderung, einen Markt für Rezyklate und Ökobilanzen. Die Aussage, nur Papier sei ökologisch, genügt mir nicht. Biobasiert per se ist nicht ökologisch. Bioabbaubar schon gar nicht. Ökobilanzen liefern uns die Fakten, die wir brauchen, um die jeweiligen Fälle beurteilen und die beste Lösung finden zu können.

Das Kunststoffimage in der breiten Öffentlichkeit ist nach wie vor negativ, die Studierendenzahlen nehmen ab. Will noch jemand Kunststofftechnik studieren?

Sie treffen einen wunden Punkt, weil unsere Sparte so viele Chancen bietet. Sie verlangt eine Fülle an Wissen aus einem sehr breiten Spektrum – von Mathematik über technische Fertigkeit bis hin zu Ausdauer. Entscheidend sind Talent und Motivation. Aus meiner Sicht ist Kunststofftechnik eine Zukunftsbranche mit tollen Berufschancen. Gegenwärtig haben aber junge Menschen wenig Interesse, in dem Fach zu studieren oder eine Lehre zu beginnen. Hier sind wir wieder beim Image: Kunststoffunternehmen haben angeblich keine Zukunft, aber das Gegenteil ist der Fall, wenn eine Firma strategisch richtig aufgestellt ist. Ein Ausweg und zugleich Pflichtprogramm wäre mehr Ausbildung in Nachhaltigkeit. Wir haben dringenden Bedarf an Fachkräften, jungen Forscher*innen und Menschen mit Zukunftsvisionen.

Was sind die wichtigsten Forschungsgebiete für die Zukunft? Wo hat Kunststoff seinen Platz?

Mein Forschungsgebiet erfordert lebenslanges Lernen in Bereichen wie Sustainability, Additive Fertigung, Digitalisierung, KI, Industrie 4.0. Und natürlich spielen Leichtbau, Ressourcenschonung und Lebensdauerberechnung ganz wichtige Rollen. Bei den Anwendungen könnte man eine lange Liste schreiben, aber an vorderster Stelle stehen Medizin, Wasserstofftechnologie, nachhaltige Verpackung oder Elektronik und Elektrotechnik.

Veranstaltungstipps

Von 7. bis 9. April 2021 findet die KC Materials Week - Alles im „grünen“ Bereich? - statt. Am 2. Tag (8. April 2021) klärt unter anderem Clemens Holzer die Frage: „Materialien und Materialentwicklung - Nachhaltig?“
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Festkolloquium 50 Jahre Kunststofftechnik in Leoben 15./16. September 2021