Mehrwert durch Kunststoff

Im Interview mit Rudolf Wölfer, Leiter des Borealis Innovation Headquarters Linz

DI Rudolf Wölfer, Head of Circular Economy Solutions Innovation Studio & Innovation Head Quarter at Borealis © Borealisgroup
DI Rudolf Wölfer, Head of Circular Economy Solutions Innovation Studio & Innovation Head Quarter at Borealis © Borealisgroup
Innovation Headquarter Austria © Borealisgroup
Innovation Headquarter Austria © Borealisgroup

15.07.2019

DI Rudolf Wölfer, Head of Circular Economy Solutions Innovation Studio & Innovation Head Quarter at Borealis, bringt als Beirat im Kunststoff-Cluster das Know-how und die Erfahrungen der Rohstofferzeuger ein. Im Interview spricht Wölfer über die Herausforderungen einer offenen Innovationskultur, die maßgeschneiderten Materialinnovationen für die Zukunftsthemen, aber auch die Wahrnehmung des Werkstoffes Kunststoff und wie es gelingen muss, Kunststoff im Kreislauf zu halten.

Borealis hat gerade die enge Kooperation mit der OMV im Bereich Chemisches Recycling mit dem Re-Oil Projekt mitgeteilt. Damit verfolgt man neben der bereits mit der Übernahme von mtm und ecoplast, wo das mechanische Recycling im Vordergrund steht, eine sehr breite Strategie. Braucht es in Zukunft beides für das Ziel einer funktionierenden Kunststoff-Kreislaufwirtschaft bzw. in Anbetracht der ambitionierten EU- Ziele 2030?

Um die gesetzlich geforderten Recyclingraten zu realisieren und auch das Anwendungsspektrum für Rezyklate auf eine breitere Basis stellen zu können, wird man eine Palette an Technologien benötigen. Mechanisches und chemisches Recycling ergänzen sich, um möglichst hohe Wiederverwendungsraten des Rohstoffs Kunststoffabfall zu realisieren, aber auch um höchste Anforderungen an die physikalischen Eigenschaften von Rezyklaten erfüllen zu können.

Borealis EverMinds™ Plattform: Kooperation ist hier ein Schlagwort, bitte erzählen Sie uns dazu, was umfasst diese Initiative und wen wünscht sich Borealis als aktive Partner dafür bzw. wo kann man sich melden?

Unter der Dachmarke EverMindsTM verstehen wir all jene Aktivitäten, die zu einem bewussteren Umgang mit den beschränkten natürlichen Ressourcen und dem Aufbau einer Kunststoffkreislaufwirtschaft beitragen. Kunststoffe haben in vielen Bereichen des Lebens Nutzen geschaffen. Heute gilt es, noch bewusster aus dem Rohstoff Kunststoffabfall Wert zu schaffen und durch intelligentes Produktdesign den ökologischen Fußabdruck so gering wie möglich zu halten, die Wiederverwertungsrate weiter zu erhöhen und die Qualität des Recycling-Feedstocks zu verbessern.

Wir erleben in vielen Branchen aktuell disruptive und schwer vorhersehbare Änderungen wie bei der Mobilität, Digitalisierung der Fertigungs- und Prozessindustrie bis hin zu jungen Technologien wie der additiven Fertigung mittels 3D-Druckverfahren oder dem hema Bauteilintelligenz Smart Plastics. Wo liegt der Fokus bei Borealis und auf welche Werkstoffinnovationen ist man bei Borealis aktuell besonders stolz?

Der Schwerpunkt bei Borealis liegt auf dem Thema Nachhaltigkeit. Wir entwickeln neben Lösungen für Kreislaufwirtschaft auch noch verschiedenste Produkte und Prozesstechnologien, die mithelfen, den ökologischen Fußabdruck zu reduzieren. Dadurch wird CO2 reduziert, weniger Energie bei der Herstellung oder Verarbeitung unserer Produkte aufgewendet und weniger Wasser verbraucht. Dazu gehören beispielsweise Leichtbaulösungen im Automobilbau (Reduktion von CO2), Anwendungen für Hochspannungskabel (Reduktion von Spannungsverlusten) oder Spezialfolien im Bereich Solarenergiegewinnung.

Wie sehen Sie die Rolle des Kunststoff-Clusters? Welche Leistungen bzw. Unterstützungen für die gesamte Kunststoff-Branche sehen Sie als vorrangige Aufgabe des Clusters?

Den Kunststoff-Cluster sehe ich als eine tolle Plattform zur Innovationsförderung bei mittelständischen und kleineren Betrieben, zur Vermittlung von Know-how und zur Schaffung von Synergien, quasi ein Kooperations-Inkubator. Gerade erst vor kurzem hat der KC professionell und rasch auf die Herausforderungen der Recyclingdiskussion reagiert. Mit dem Transfercenter für Kunststofftechnik wurde der Öli als Recycling Case gemeinsam mit der Borealis Tochter mtm und weiteren Industriepartnern umgesetzt und auch beim Leitprojekt „Circumat“ hat der KC einen wichtigen Beitrag geleistet.

Geben Sie uns bitte als Leiter dazu kurz ein paar Eckdaten bekannt: Mitarbeiter, Nationalitäten, Schwerpunkte der Forschung am Standort?

Im Borealis Innovation Headquarters (IHQ) in Linz beschäftigen wir rund 450 Mitarbeiter aus mehr als 30 Nationen. Die Vielfalt an Kulturen, Sichtweisen und Kompetenzen ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor, um im internationalen Wettbewerb erfolgreich sein zu können. Unsere Forschungsschwerpunkte im IHQ liegen in den Bereichen Katalysatoren, Polymerisationstechnik, Produkt- und Anwendungsentwicklung sowie Recycling. Borealis als führender Anbieter innovativer Lösungen in den Bereichen Polyolefine, Basischemikalien und Pflanzennährstoffe hat sich über die Jahre eine Reputation als attraktiver Arbeitgeber für internationale Arbeitnehmer erarbeitet. Globale Open Innovation Kooperationen, eine hervorragend ausgestattete Forschungseinrichtung sowie ein multikulturelles Umfeld tragen dazu bei, Fachkräfte aus aller Welt zu gewinnen und auch zu halten. Auch der dynamische Wirtschaftsraum Oberösterreich sowie das Freizeitangebot und die internationalen Ausbildungsmöglichkeiten für Familien mit Kindern spielen eine wichtige Rolle.

Durch das Kunststoff-Bashing erleben wir rückgängige Zahlen bei den Studienanfängern, aber auch bei den Facharbeitern tut man sich schwer. Wie würden Sie Kindern und Jugendlichen erklären, wieso Kunststofftechnik ein Zukunftsfeld ist und man seine Ausbildung in diesem Bereich starten sollte?

In letzter Zeit sind wir immer öfter mit genau dieser Frage bei Einstellungsgesprächen konfrontiert. Wenn ich dann erzähle was wir alles im Bereich Recycling tun, unser Engagement in Hinsicht auf Meeresvermüllung (Projekt STOP) und die vielen Vorteile von Kunststofflösungen aufzähle, wendet sich die Stimmung sehr schnell. Ich denke, ähnliches müssen wir als Kunststoffindustrie in der Öffentlichkeit machen und diese wichtigen Informationen an Kinder und Jugendliche weitergeben. Außerdem geht es darum, das Thema Kunststofftechnik neu zu besetzen und aus der verstaubten, langweiligen und negativ besetzten Ecke rauszuholen. Ein Studium für „Sustainable Plastics Technology and Economy“ wäre für Jugendliche sicher ansprechender.

www.borealisgroup.com